Svetlina Stoyanova ~ Mezzosopran (Deutsche Version)

Die bulgarische Mezzosopranistin Svetlina Stoyanova ist Solistin an der Wiener Staatsoper, wo sie in Rollen wie Rosina (Il barbiere di Siviglia), Cherubino (Le nozze di Figaro), Roßweisße (Die Walküre), Tisbe (La Cenerentola) und Lola (Cavalleria Rusticana) aufgetreten ist.

2017, noch während ihres Studiums am Royal Conservatoire of Scotland, gewann Svetlina Stoyanova den 1. Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb Neue Stimmen. Nach ihrem Erfolg wurde sie an viele Opernhäuser eingeladen, unter anderem an die Opéra de Nice Côte d’Azur und zu den Bregenzer Festspielen. Nach der Spielzeit 2019-2020 verlässt sie die Wiener Staatsoper, um sich freiberuflich zu betätigen.

 

Deutsche Übersetzung von Sonja Bühling

Photo ©Benjamin Ealovega 

Auf der Bühne möchte ich Menschen helfen, indem ich sie auf eine Reise mitnehme und sie diese Emotion mit mir empfinden lasse. Für mich ist es das Wichtigste, aufrichtig zu sein und in der Rolle zu sein.

 

Bitte beschreib dein Hot Toddy in drei Worten!

 

Stark, würzig und herzerwärmend.

 

Wenn du mit einer berühmten Person aus der Geschichte essen könntest, wer wäre das?

 

Die erste Person, die mir in den Sinn kommt, ist Maria Callas. Es würde mich interessieren, wie bodenständig sie war. Oder vielleicht jemand wie Juri Gagarin, Neil Armstrong oder Neil deGrasse Tyson! Mit ihnen könnte ich tagelang über den Kosmos sprechen, das wäre so interessant!

 

Hast du eine Lieblingsoper?

 

Zum Singen ist im Moment meine neue Lieblingsoper Rossinis L’Italiana in Algeri. Ich liebe die Figur der Isabella und ich liebe die Musik. Der Spaß hört nie auf, und ich denke, die Leute mögen es deshalb sehr. Zum Zuhören liebe ich jeden Massenet, und seit kurzem höre ich auch gerne Wagner. Es ist schwermütiger, aber ich habe es wirklich genossen zuzuhören. Mein erster Wagner war Die Walküre. Wenn man das Leitmotiv hört, füllt es einen mit so viel Energie!

 

Lieblingskomponist?

 

Ich werde sehr bald einige von Bergs Sieben frühe Lieder singen, und ich muss sagen, dass diese Lieder tief in meine Seele eingedrungen sind – ich liebe es, sie zu singen. Auch Mahler, Tschaikowsky, Rossini und Händel. Da habe ich dir jetzt viele Namen genannt! Aber ich kehre auch immer wieder zum Barock zurück.

 

Es scheint, dass mein Lieblingskomponist immer der ist, an dem ich gerade arbeite, und egal, wie oft ich etwas gesungen habe, ich versuche immer, etwas Neues zu finden, etwas, um es lebendig und interessant zu halten.

 

 

Svetlina Stoyanova als Rosina in der Inszenierung von Il barbiere di Siviglia an der Wiener Staatsoper. Foto von Michael Pohn.

 

Was hast du über das Singen und Auftreten gelernt, seit du an der Wiener Staatsoper singst?

 

Ich kam hierher wie ein fast leerer Schwamm, und meine Idee war, alles aufzusaugen, so viel wie nur irgend möglich. Ich traf so viele der großen Stars. Das sind alles ganz normale Menschen. Kürzlich habe ich Erwin Schrott angeschrieben, um ihn nach einem Bauernhof zu fragen, auf dem er Obst und Gemüse bestellt. Ich traf Joyce Di Donato, die schon lange ein Idol von mir ist und einer der freundlichsten Menschen ist, denen ich je begegnet bin – damals sang ich gerade Cherubino und sie erzählte mir von ihrem ersten Cherubino!

 

Ich habe Cavalleria Rusticana mit Elīna Garanča gesungen, und es war eine ganz besondere Darbietung, denn als sie in meinem Alter war, sang sie in Wien ihre erste Lola. Jetzt sang sie ihre allererste Santuzza, und ich sang meine erste Lola, es war also ein ganz besonderer Moment für sie, und es stellte sich heraus, dass es auch für mich etwas ganz Besonderes war. Ich habe ein paarmal mit Juan Diego Florez gesungen, zuletzt in Manon, und ich hoffe wirklich, dass ich eines Tages mit ihm Rossini singen werden kann!

 

Ich habe nicht verändert, wer ich bin – ich war immer ein ziemlich offener Mensch, und ich glaube, die Leute haben das geschätzt. Ich habe viel mehr über Stil, über Komponisten gelernt, denn wenn man von einem Konservatorium kommt, hat man nicht viel Erfahrung; so einfach ist das.

 

Ja, man weiß es in der Theorie und ein bisschen auch in der Praxis, aber es ist so anders, besonders wenn man in einem so geschäftigen Haus wie der Wiener Staatsoper ist. Hier arbeiten wir mit unglaublichen Coaches und Regisseuren, die so viel Erfahrung haben. Das Leben ist eine unendliche Reise des Lernens, solange man dafür offen ist!

 

Ich habe auch gelernt, wie die Opernwelt in Bezug auf Agenten funktioniert, wie wichtig die Verbindungen sind, die man zu den Dirigenten herstellt, und wie wichtig es ist, gute Rollen für seine Stimme auszusuchen, seine Stimme zu erhalten und sie jederzeit gesund zu halten.

 

Was ist wichtig für dich, wenn du auftrittst?

 

Ich bin nach Schottland gezogen, um Psychologie zu studieren, und mein Wunsch war es immer, Menschen zu helfen. Auf der Bühne möchte ich Menschen helfen, indem ich sie auf eine Reise mitnehme und sie diese Emotion mit mir empfinden lasse.

 

Für mich ist es das Wichtigste, aufrichtig zu sein und in der Rolle zu sein, aber auch, niemand anderen zu kopieren. Ja, ich habe diese großen Namen und all diese anderen unglaublichen Sängerinnen und Sänger gesehen, aber ich will nicht kopieren, was sie tun, weil jeder so anders ist, und ich denke, es ist sehr wichtig, sich selbst in die Figur einzubringen.

 

Hast du dich bei der Arbeit an einem so berühmten Opernhaus schon einmal unter Druck gesetzt gefühlt?

 

Natürlich ist man nervös und fühlt sich unter Druck: besonders unter Zeitdruck, Rollen zu lernen. Als ich hierher gekommen bin, kannte ich gerade mal zwei Rollen, und jetzt kenne ich nach anderthalb Spielzeiten über 30. Ständig heißt es “los, los, los!“ Man singt viel und man fungiert sehr oft als Cover, man ist also nonstop im Einsatz.

 

Das ist ziemlicher Druck, aber wenn man damit umgehen kann, ist es eine unglaubliche Erfahrung. Wann immer ich aus irgendeinem Grund Probleme habe, dann kann ich stets zu den Leuten im Management gehen und mit ihnen reden, und sie haben Verständnis, wenn meine Anliegen berechtigt sind. Ich finde immer auf irgendeine Weise eine Lösung.

 

Zum Beispiel sang ich zu Beginn dieser Saison meine erste Rosina im Haus. Eines der ersten Dinge, die ich singe, ist Una voce poco fa. In dieser Inszenierung sitze ich auf einem Stuhl und die Wand wird in der Einleitung hochgefahren, so dass ich wusste, dass mein Herz schnell schlagen würde, bevor ich sang, wegen der Nerven und des Adrenalins.

 

Um mich darauf vorzubereiten, lief ich vor einem Coaching die Treppe des Theaters hinauf, so dass mein Herz schneller schlug, und ich ging in das Coaching und sang die Arie. Das funktionierte! Ich habe mir selbst beigebracht, wie ich mein Herz sehr schnell beruhigen konnte, kurz bevor ich zu singen begann.

 

Ist dir bei der Arbeit in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern etwas Besonderes aufgefallen?

 

Ich habe in Frankreich, Deutschland und Spanien gearbeitet, und im Allgemeinen sind die Dinge mehr oder weniger ähnlich. Vielleicht war dort alles etwas ruhiger, aber ich bin in Wien fest angestellt und habe hier nur Wiederaufnahmen gemacht. Um auf mein Beispiel von Il barbiere di Siviglia zurückzukommen – wir hatten fünf Tage Zeit, uns vorzubereiten.

 

Tag 1 war die musikalische Probe: nur der Pianist, der Dirigent und wir. Dann hatten wir noch drei weitere Tage mit Proben in einem Studio, am fünften Tag liefen wir durch die Oper, und am sechsten Tag standen wir auf der Bühne. Wir bekamen weder Proben mit dem Orchester noch Proben auf der Bühne, also sah ich die Bühne erst zwei Stunden vor der Aufführung und das Orchester, zu Beginn der Vorstellung.

 

Das ist wahrscheinlich eine Art und Weise, in der sich dieses Haus von allen anderen unterscheidet. Soweit ich weiß, ist Wien das einzige Haus, in dem man nicht auf der Bühne oder mit dem Orchester probt. Während meiner zwei Spielzeiten hatte ich 2 Sitzproben1, 1 ‘Bühne und Klavier’-Probe und 1 ‘Bühne und Orchester’-Probe.

 

Svetlina Stoyanova als Cherubino in der Inszenierung von Le Nozze di Figaro an der Opéra de Nice Côte d’Azur. Foto von Daniel Benoin.

Ich kam wie ein fast leerer Schwamm [nach Wien], und meine Idee war, alles aufzusaugen, so viel wie nur irgend möglich. Das Leben ist eine unendliche Reise des Lernens, solange man dafür offen ist!

 

Wie lernst du die Rollen so schnell?

 

Ich weiß nicht, man lernt wie ein Verrückter, und man lernt sie einfach! Es ist Einstellungssache, man muss sich die Zeit und die Energie gut einteilen. Sie wissen, wer mehr Coachings braucht und wer nicht, also passen sie das an. Wenn du um ein Coaching bittest, dann werden sie es dir geben.

 

Wie fandest du es, festangestellt gewesen zu sein?

 

Für mich waren diese zwei Jahre festangestellt unglaublich, und ich brauchte sie nicht nur, um mir Repertoire anzueignen, sondern auch, um diese Welt kennen zu lernen, Menschen zu treffen und zu erfahren, wie alles ist.

 

Ich denke, dass es riskant gewesen wäre, mich sofort freiberuflich zu betätigen, als ich noch nicht wusste, wie diese Welt funktioniert und noch keine Beziehungen hatte. Deshalb fand ich, dass zwei Jahre für mich die perfekte Zeitspanne waren. Von jetzt an werde ich freiberuflich tätig sein, und es ist großartig für mich, weiterzumachen.

 

Wie ist es für Dich jetzt, freiberuflich tätig zu sein?

 

Es ist sehr beängstigend, und ich glaube, wegen des Coronavirus ist es jetzt noch beängstigender. Ich bin so glücklich, dass ich mein Debüt mit Angelina beim New Generation Festival in Florenz singen werde, und da es Open Air ist, findet die Produktion statt. Ich bin auch hoffnungsvoll, dass meine Pläne für den Herbst mit Konzerten in Tokio ebenfalls wie geplant verwirklicht werden.

 

Aber ich weiß, dass die ersten anderthalb Jahre im Allgemeinen recht schwierig sein können. Ich bin mir dessen bewusst, aber ich habe auch gesehen, dass ich in den vergangenen zwei Spielzeiten viele Angebote hatte, die ich nicht annehmen konnte, denn hier festangestellt zu sein, bedeutet, dass man ständig im Haus beschäftigt ist und nur sehr selten Zeit zum Gastieren hat. Wir haben so viele Opern im Programm, und alle arbeiten die ganze Zeit.

 

Natürlich gibt es nie genug Beziehungen, die man als junger Darsteller haben kann, und wenn man keine Leute kennt, ist es riskant. Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, einen guten Agenten zu haben, dem man vertrauen kann!

 

Wir lernten uns während unseres Studiums im Opernkurs am Royal Conservatoire of Scotland in Glasgow kennen. Wie hast du die Studienzeit in Schottland empfunden, und hattest du das Gefühl, dass dir bei dem, was du dort gelernt hast, irgendetwas gefehlt hat?

 

Der Opernkurs am Royal Conservatoire of Scotland war wirklich großartig und beinhaltete viel. Zuerst bin ich nach Schottland gezogen, um an der Universität Glasgow Psychologie zu studieren, aber dank der Überredungskunst und der Tatsache, dass Professor Christopher Underwood fest an mich geglaubt hat, wechselte ich zum Studium ans Royal Conservatoire of Scotland, was einer der Gründe ist, warum ich so lange in Schottland war.

 

Zuvor hatte ich noch nie Gesang studiert, und ich brauchte die Zeit dafür. Ich blieb auch wegen meiner Lehrerin, Clare Shearer. Ich spreche auch jetzt noch ab und zu mit ihr, und hin und wieder singe ich noch für sie – man kann immer noch mehr von seinen Lehrern lernen, wenn man weiß, dass man einen guten hat!

 

Ich glaube fest daran, dass das UK sich dem Rest der Welt öffnen und zeigen sollte, was es sonst noch gibt. Ich verstehe, dass sie dieDinge im Vereinigten Königreich behalten wollen, aber es ist ein internationales Konservatorium, und Musik ist ein internationaler Beruf.

 

Ich weiß nicht, was jetzt mit Brexit passieren wird, aber die Leute müssen trotzdem wissen, dass es da draußen viele Opernstudios gibt. Sie sollten mehr Leute aus diesen Orten einladen, um Vorträge zu halten und Karriereberatung zu geben, wie man zum Beispiel einen Agenten findet. Das hat uns nie jemand gesagt.

 

Eines der vielen Dinge, bei denen mir der Direktor der Wiener Staatsoper und jetzt der Scala, Dominique Meyer, geholfen hatte, war, eine gute Agentur zu finden. Meine Agenten erhalten ständig E-Mails mit Videos von Künstlern. Man muss wissen, wie man diese Agenten wirklich erreicht.

 

Svetlina Stoyanova in der Inszenierung von Richard Wagners Die Walküre an der Wiener Staatsoper, mit Fiona Jopson als Helwige und Anna Gabler als Ortlinde. Foto von Michael Pohn.

Mein Ziel war, wenn ich die erste Runde überstehe, würde mich vielleicht jemand hören oder mögen und ich würde einige Verbindungen herstellen. Bis sie am Ende meinen Namen sagten, hätte ich nicht gedacht, dass ich gewonnen habe! Die Tatsache, dass ich bereits im Finale stand, war ein unglaublicher Sieg für mich, und ich habe es genossen, mit dem Orchester zu singen.

 

Wie war der Wettbewerb Neue Stimmen für dich und würdest du den Wettbewerbsweg anderen Sängern empfehlen?

 

Auf jeden Fall! Wenn ihr die Nerven habt, dann macht unbedingt Wettkämpfe! Man sollte nicht mit dem Gedanken „Ich muss gewinnen!“ hingehen. Am besten ist es, die Absicht zu haben, dass man Freundschaften schließen will, aufzutreten und Erfahrungen zu sammeln. Das Erste, was ich tat, als ich zum Wettbewerb ging, war, Freundschaften zu schließen.

 

Ich holte mir von den anderen Leuten dort so viele Informationen wie möglich ein. Mein Ziel war, wenn ich die erste Runde überstehe, würde mich vielleicht jemand hören oder mögen und ich würde einige Verbindungen herstellen.

 

Bis sie am Ende meinen Namen sagten, hätte ich nicht gedacht, dass ich gewonnen habe! Die Tatsache, dass ich bereits im Finale stand, war ein unglaublicher Sieg für mich, und ich habe es genossen, mit dem Orchester zu singen. Bis dahin hatte ich kaum mit Orchester gesungen, und es war toll, die Unterstützung zu haben, die man von ihnen bekommt.

 

Ich würde auch sagen: Geht zu Wettbewerben, von denen man weiß, dass sie etabliert sind, und schaut euch die Jurymitglieder an. Wenn man Dominique Meyer bei einem Wettbewerb sieht, bedeutet das, dass es ein guter Wettbewerb ist. Ich würde den Wettbewerb Neue Stimmen auf jeden Fall empfehlen, weil sie wirklich Karrieren schaffen, und sie sind auch so nett und so hilfreich bei jeder einzelnen Sache. Sie kümmern sich um jeden, der da ist, und sie sind sehr fair.

 

Es muss ein erstaunlicher Moment gewesen sein, als du gewonnen hast. Gab es in der Folge irgendwelche Herausforderungen?

 

Ich konnte es zuerst wirklich nicht glauben, dass ich diesen großen Wettbewerb gewonnen hatte! Es war sowieso eine verrückte Zeit für mich, da ich auch noch kurz vor meiner Hochzeit stand. Wir heirateten an einem Freitag, und am darauffolgenden Mittwoch reiste ich zum Vorsingen in die Schweiz. Viele Intendanten, die mich im Wettbewerb gehört hatten, wollten mich an einem ihrer Opernhäuser singen hören.

 

Ich verwendete das Geld vom Gewinn des Wettbewerbs, um diese Vorsingen zu bezahlen. Das ist oft ein Problem – wenn man Vorsingen hat, dass es einem auch finanziell möglich ist, dorthin zu reisen und die Reise und das Hotel zu bezahlen.

 

Ich würde den Sängern abraten, am Morgen des Vorsingens erst hinzureisen. Ich habe das schon ziemlich oft gemacht, und es ist nicht klug, weil man nicht sein Bestes geben kann. Man ist einfach müde, auch wenn man sich nicht müde fühlt, es ist einfach nicht die beste Situation.

 

Man sollte versuchen, gut zu schlafen, sich richtig vorzubereiten und sich mit Flüssigkeit zu versorgen. Dies könnte ein zukünftiger Job sein. Bei Vorsingen kann man sehr leicht vergessen werden, wenn es für einen nichts gibt. Selbst wenn man einen guten Eindruck macht, liegt es an der Agentur, sie dann daran zu erinnern, wer du bist. Es gibt so viele Leute, und ich habe schon gehört, dass sich die Leute an ein schlechtes, aber nicht an ein gutes Vorsingen erinnern. Das ist so traurig!

 

Hast du einen allgemeinen Ratschlag für alle, die Gesang studieren?

 

Lernt Repertoire, damit man nicht in eineinhalb Spielzeiten dreißig Rollen lernen muss! Natürlich besteht die Gefahr, wenn man dann anfängt zu viel zu singen, denn während man noch studiert, ist die Technik nicht unbedingt 100%ig und die Stimme verändert und verbessert sich immer wieder. Wenn man weiß, wo die Stimme aktuell ist und wohin sie geht, kann man Rollen studieren, ohne sie zu singen.

 

Macht Übersetzungen: Lernt den Text zu sprechen, denn das wird so hilfreich sein. Versucht möglicherweise auch, die Musik in den Kopf bekommen. Aber übertreibt es nicht, denn etwas mit einer besseren Technik neu lernen zu müssen, ist viel schwieriger, als es von Anfang an zu lernen. Ich habe zum Beispiel Arien wie Una Voce, die ich so sehr überarbeiten musste, weil ich sie vor so langer Zeit gelernt habe, und zwar mit einer ganz anderen Technik, bei der vielleicht nicht alles ganz richtig war.

 

Singt auch Lieder! Jeder Lehrer sagt das zu uns, aber es ist so wichtig, viel Liederrepertoire parat zu haben, denn sehr oft kommt es vor, dass die Leute einen bitten, ein Konzert zu singen, und dafür muss man Repertoire haben. Am Royal Conservatoire of Scotland war es fantastisch, dass wir so viele Gesangsklassen hatten. Ich verstehe jetzt, warum wir nicht so viele Arien gesungen haben, sondern wir haben mehr Lieder gesungen.

 

Wählt eure Vorsingarien sehr sorgfältig aus und achtet darauf, dass sie gut für eure Stimme sind. Wenn man ein Stück von Mozart in der Vorsing-Liste hat, werden sie höchstwahrscheinlich danach fragen, denn Mozart zeigt eine korrekte Technik, und er ist wahrscheinlich einer der am schwierigsten zu singenden Komponisten!

 

Achtet darauf, dass ihr alle Arien eures Vorsingrepertoires nacheinander singen könnt. Zeigt auch Vielfalt in eurer Auswahl, und beginnt immer mit einer Arie, mit der ihr euch absolut sicher seid.

 

Svetlina Stoyanova an der Wiener Staatsoper. Foto von Damiano Photography.

Heute muss man auch ein sehr guter Schauspieler sein, denn das Publikum muss einem glauben; es ist wirklich dasselbe wie im Theater. Wenn sie dir nicht glauben, langweilen sie sich, weil sie im Fernsehen immer so viel Stimulation haben. Ich sah, wie Plácido Domingo auf der Bühne starb, und es war herzzerreißend – es war, als ob es wahr wäre.

 

Was erwartest du von einem Regisseur?

 

Ich wünsche mir Flexibilität in dem Sinne, dass der Regisseur mich sehen und meine Persönlichkeit in die Rolle einbringen kann. Es ist hier schwierig, wenn wir Wiederaufnahmen machen, weil die Regisseure nur die Bewegungen von der Premiere proben, wie die Premiere war, und wie es für die Person war, die damals gesungen hat, deshalb brauche ich oft ein wenig Flexibilität vom Regisseur.

 

Wenn es sich um eine Neuinszenierung handelt, braucht man ein gutes Gleichgewicht zwischen dem Regisseur, der einem erlaubt, sich auszudrücken, und dem Regisseur, der einem die Richtung vorgibt.

 

Was erwartest du von einem Dirigenten?

 

Man muss darauf vertrauen können, dass man immer aufgefangen wird. Auf der Bühne sind die Tempi vielleicht nicht ganz die gleichen wie die, die man geprobt hat. Der Dirigent kann auch ein wenig nervös sein, aber der Sänger wird es auf jeden Fall sein, und es ist wichtig, dass der Dirigent fühlt, wohin die Energie und die Stimme gehen, damit er helfen kann.

 

Es ist auch sehr wichtig, sich klar auszudrücken. Es ist hier schwierig, weil es sich um die Wiener Philharmoniker handelt, und sie kennen das Repertoire so gut, deshalb ist es sehr schwer, Dirigent für dieses Orchester zu sein. Das merke ich, und man muss sehr stark sein, um dieses Orchester zu beherrschen, denn sie können auch ohne Dirigent spielen.

 

Es gab sogar eine Situation, als sie hier zu Ostern vor einigen Jahren Parsifal spielten. Auf halbem Weg verletzte sich der Dirigent am Rücken und sagte, er könne einfach nicht mehr dirigieren. Er lag auf dem Boden seiner Garderobe. Direktor Dominic Meyer trat ein und sagte: “Okay, was machen wir jetzt? Der Pianist, der mit den Sängern gearbeitet hatte, war da, und er fragte ihn: “Haben Sie irgendwelche Erfahrungen als Dirigent?!“ Er hatte ein wenig, und so redete er mit dem Leiter des Orchesters, der sagte: “Solange er uns Hinweise geben kann, wann wir für die Sängerinnen und Sänger da sein sollten, wissen wir den Rest.“ Und es geschah, und sie haben es geschafft!

 

Wie wird die Oper in 100 Jahren aussehen? Muss sie sich verändern, um relevant zu bleiben?

 

Nun, einige der Produktionen, die wir machen, sind so alt, dass sie für heute schon nicht mehr so relevant sind. Einige der Inszenierungen sind kulturell unangemessen, aber ich denke, die Menschen sollten sich bewusst sein, dass viele Opern vor langer Zeit geschrieben wurden und nie mit schlechten Absichten aufgeführt wurden. Die Musik ist schön und wunderbar. Mit einigen neuen Kompositionen und Inszenierungen kann alles ein wenig zu abstrakt, zu clever und musikalisch oder schauspielerisch immer noch unangemessen werden.

 

Heute muss man auch ein sehr guter Schauspieler sein, denn das Publikum muss einem glauben; es ist wirklich dasselbe wie im Theater. Wenn sie dir nicht glauben, langweilen sie sich, weil sie im Fernsehen immer so viel Stimulation haben. Ich sah, wie Plácido Domingo auf der Bühne starb, und es war herzzerreißend – es war, als ob es wahr wäre.

 

Auf diese Weise unterscheidet sich die Oper schon sehr von dem, wie sie noch vor nicht allzu langer Zeit war. Und das ist es, was eine gute von einer großartigen Aufführung unterscheidet – nicht nur der Gesang, sondern auch die Schauspielerei.

 

Viele Opernwerke sind ein Teil der Geschichte, und wir können von ihnen lernen. Natürlich sollte man in gewisser Weise versuchen, etwas Neues zu finden, aber man kann auch etwas Neues hinzufügen, indem man Dinge aus der Vergangenheit entdeckt, Dinge, die bereits geschaffen worden sind. Ich denke, man sollte nicht versuchen, die Oper zu verändern und sie zu einer anderen Art von Kunst zu machen.

 

Klassische Musik ist so gut für das Gehirn – es gibt so viele Studien, die das zeigen, besonders für Kinder. Wir haben so viele Kinderopern hier in Wien, und sie sind immer voll, und die Kinder lieben sie. Sie führen die Kinder also wirklich von klein auf an die Oper heran und beziehen sie mit ein. Im Haupttheater gibt es derzeit auch sehr viele junge Leute.

 

In Bulgarien war es nicht möglich, in der Schule Instrumente zu lernen wie in Großbritannien – es gab zum Beispiel nicht einmal einen Schulchor. Vor kurzem erzählte mir jemand, wie sie ein Experiment machte, bei dem sie, als ihr Baby noch im Mutterleib war, jeden Tag dieselbe Melodie auf dem Klavier spielte. Als das Baby geboren wurde, spielte sie diese Melodie, und die Augen des Babys leuchteten, weil es sie erkannte! Ich denke also, das ist der Weg, diese Kunst zu bewahren, denn sie ist wirklich schön und kann einen woanders hinbringen.

Vielen Dank an Svetlina Stoyanova, dass sie sich die Zeit aus ihrem vollen Terminkalender genommen hat, um diese Woche mit uns zu sprechen! Mehr über Svetlina können Sie auf ihrer Website hier erfahren.


Anmerkungen und Links

  1. Eine Sitzprobe ist die erste Probe, bei der die Sängerinnen und Sänger mit dem Orchester zusammenkommen. Sie spielen keine der meist bereits abgeschlossenen Inszenierungen nach, sondern konzentrieren sich ausschließlich auf die Musik und das erste Zusammensein mit dem Orchester. 
  • Mehr über die Wiener Staatsoper erfahren Sie auf deren Website hier.
  • Der Gesangswettbewerb Neue Stimmen findet alle zwei Jahre statt und dient der Förderung junger Opernsängerinnen und Opernsänger. 
  • Das Royal Conservatoire of Scotland ist Schottlands nationales Konservatorium für Musik, Schauspiel und vieles mehr und hat seinen Sitz in Glasgow. 

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